Anne Amalia Herbst

Special der Banfhile-Chroniken „Das verhexte Geißblatt“

Dezember 6th 2013 in Annes Blog

Ich werde immer mal wieder gefragt, ob ich den Irland-Teil der Banfhile-Chroniken noch ein wenig ausweiten kann, weil der mystische Teil so gefällt. Aber gern! Für alle, die auf die Fortsetzung der Geschichte um Anne und Damiano warten, die erst 2014 erscheinen wird, hier ein kleiner Einblick in die »Hidden Agenda« der Schicksalsfrauen:

Copyright: Anne Amalia Herbst
„Das verhexte Geißblatt“ – Banfhile-Chroniken-Special

Galdu-Höhlen, am letzten Tag des Jahres 2011

»Sollten wir nicht langsam das Cottage entmotten?«, fragte Freya, während sie versuchte, zu Atem zu kommen und sich im flackernden Licht die letzten Krümel Erde von den Fingern klopfte.

Mitten in diesem ehrfurchtsgebietenden Höhlendom thronte ein überdimensionierter Kupferkessel über einem lodernden Feuer aus armdicken Holzscheiten. Die alte Frau auf der gegenüberliegenden Seite des Kessels markierte mit dem Zeigefinger eine Stelle in dem vor ihr schwebenden Folianten, ehe sie den Kopf hob, um die Neuangekommene zu mustern.

»Boh«, brummte Morrigan. »Noch nicht. Es dauert noch einige Monde, ehe sie den Weg findet …« Damit verlagerte sich ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihre Aufzeichnungen.

»Meinst du?«, hakte Freya schon ruhiger nach.

»Ja, meine ich«, kam die geistesabwesende Antwort von der anderen Seite des Kessels.

»Ich würde trotzdem schon mal nach dem Rechten sehen«, bot die Jüngere an.

Seufzend blickte Morrigan wieder von ihrer Lektüre auf. »Das Cottage steht noch am alten Fleck, auf gutem irischen Boden. Wohl getarnt, wie seit dem ersten Tag, an dem sie es von uns erbat. Du musst dich nicht sorgen. Es ist so sicher wie eh und je. Banfhile sorgt für sich selbst, so haben wir es erschaffen. Ich habe es seit unserem letzten Besuch nur ein einziges Mal verrückt, damals für die Handvoll Nächte nach Wales und das geschah mit euer beider Wissen. Wenn du dich erinnerst …«

»Erinnerungen sind dein Metier, Morri«, antwortete Freya beschwichtigend. »Ich sorge mich mehr um die Gegenwart.«

Die alte Frau lächelte milde. »Mein liebes Kind, wir stehen dir immer zur Seite – Tara und ich. Durch uns drei schließt sich der Kreis des Lebens. Du weißt das, also entspann dich! Ein wohlgewählter Zauber wird reichen, und das Cottage erblüht zur rechten Zeit zu neuem Leben. Wie alles immer zur rechten Zeit geschieht. Aber wenn es dich beruhigt, dann statte Banfhile einen schnellen Besuch ab und richte meine herzlichsten Grüße aus!«

Freya wechselte das Thema. »Wo steckt Tara eigentlich?«

»Das fragst du mich? Bin ich ihre Mutter oder du?«, erwiderte die Alte und blies sich mädchenhaft eine Strähne ihres schlohweißen Haares aus dem Gesicht, die sich während der Lektüre aus ihrer Frisur gelöst hatte.

»Also ist sie wieder nicht vorbeigekommen?«, fragte die Jüngere, bemüht, die Enttäuschung in ihrer Stimme zu verbergen.

»Nein, und das wird sie auch nicht, solange sie sieht, dass du dich über Gebühr einmischen wirst!«, konterte Morrigan. »All dein Gechatte! Diese Rollenspielerei!«

»Das sagt die Richtige!«, warf Freya spitz ein. »Du findest doch selbst großen Gefallen an dem neumodischen Kram! So oft wie ich aufs Internet verzichten muss, weil du unseren einzigen Zugang blockierst!«

»Als würden wir dazu Datenleitungen brauchen, du Torin!«, schalt Morrigan, aber die Wärme in ihrer Stimme milderte die harschen Worte.

»In Galdu hätten wir sowieso keinen Empfang …«, stimmte Freya zu. »Aber ich mag das nostalgische Gefühl, in der Zivilisation einen Laptop zu benutzen und wenn du den ewig belagerst, um online zu shoppen, dann nervt mich das eben!«

»Die haben nun einmal die besten Zutaten für meine Hexenküche! Lieferbar innerhalb von drei oder vier Stunden, fast wie Apothekenware …«, verteidigte sich Morrigan vergnügt glucksend.

»Hah, von wegen! Du liest im Rollenspiel!«, stellte Freya fest.

»Finde dich damit ab: Wir haben bereits genug eingegriffen. Du kannst den Hergang nicht weiter beschleunigen oder beeinflussen, ohne alles aufs Spiel zu setzen! Die Dinge entwickeln sich, also hab Geduld!« Gerade schickte sich Morrigan an, die Lektüre des Folianten vor ihr wieder aufzunehmen, als ihr Blick die neben Freya stehende üppig blühende Pflanze streifte. Aus deren frisch gestochenem Wurzelballen rieselte noch immer Erde auf den Höhlenboden.

»Was willst du mit dem Geißblatt?«, fragte Morrigan argwöhnisch. »Das gehört nicht in den Kessel! Es verdirbt den ganzen Trunk!«

»Das Geißblatt ist nicht für den Kessel …«, erwiderte Freya und reckte trotzig ihr Kinn vor. »Es ist für Anne.«

»Hat sie etwa Heimweh?«, ätzte Morrigan.

»Ich schicke es ihr, damit sie endlich die lebhaften erotischen Träume empfängt, die sie sich wünscht. Sie muss aufhören, in der Vergangenheit zu leben oder sich mit Zukunftsträumen, in denen alles vermeintlich besser sein wird, zu quälen und endlich einmal in die Gegenwart finden«, proklamierte Freya.

»Boh! Manchmal bewertet sich die Gegenwart auch über.«

»Selten. Zumindest in Bezug auf das, was sie als ihre Vergangenheit begreift und was sie sich in Bezug auf eine Zukunft erwünscht, habe ich recht. Nur in der Gegenwart findet sie den Schlüssel zu ihrer wahren Herkunft und ihrer Bestimmung! Alles andere ist schlicht und ergreifend unmöglich«, beharrte die Jüngere.

»Als wenn ich das nicht wüsste! Aber du kannst es nicht lassen, oder? Immer musst du dich einmischen«, Morrigan schüttelte unwillig den Kopf. »Reicht es nicht, dass du ihr ein verspätetes Yulgeschenk voller Zauberdinge gesandt hast? Nein, bei der Göttin! Zusätzlich musstest du mich solange bedrängen, bis ich überstützt nach Italien aufgebrochen bin, um dem Darklord dieselbe Kräutermischung unterzujubeln, nur damit ich endlich wieder meinen lieben Frieden hatte! Boh!«

»Ach komm, Morri, sei nicht so eine alte Schachtel! Immerzu krakeelst du und siehst Gespenster! Dabei sind doch wir es, die das Schicksal in der Hand haben. Gib doch wenigstens zu, dass du es genossen hast, wieder einmal nach Italien zu kommen!«, winkte Freya ab.

»Im Winter???« Doch dann wurde Morrigan ernst. »Du weißt, dass es so nicht funktioniert! Es ist nicht unsere Aufgabe, die Dinge lediglich nach unserem eigenen Gutdünken zu beeinflussen. Zu viele Verwerfungen, zu viele Änderungen im Gefüge, zu viele Unwägbarkeiten.« Die Alte hob warnend den Zeigefinger. »Werde nicht unobjektiv auf deine alten Tage, liebe Freya, auch wenn wir dieses Mal vermeintlich so kurz davor sind, unseren Plan in Erfüllung gehen zu sehen. Wir weben schon zu viele Jahrtausende am Schicksal der Menschen, um nun solche Anfängerfehler zu begehen! Und im Übrigen, seit wann beinhaltet die Erweckung der besonderen Fähigkeiten eines Adepten die Übersendung erotischer Träume? Diese Moderne! Also zu meiner Zeit …«

Freya unterband den Redeschwall im Keim, bevor sich Morrigan in den Erinnerungen an die archaischen Ausbildungsmethoden ihrer Jugendzeit verlieren konnte.

»Gönnst du ihr gar keinen Spaß, Morri? Denk doch daran, welche Freude es dir war, zu den alten Hochfesten an den Fruchtbarkeitsriten teilzunehmen. Wenn ich mich recht entsinne, frönst du diesem Zeitvertreib doch auch heute noch ganz gern, indem du dir ab und an den Körper einer jungen irischen Schönheit ausborgst, nicht?«

Morrigan schnappte bei diesen Worten übertrieben theatralisch nach Luft. »Woher weißt du davon?«

»Auch ich habe so meine Quellen …«, antwortete Freya trocken und um Contenance bemüht. »Und da willst du Anne die erotischen Träume vorenthalten? Momentan sind die das einzige Bindeglied zwischen den beiden. Lass sie sich daran ausprobieren, sie schaden niemandem. Und beide werden schnell genug lernen müssen, ohne Kräutermischungen und Geißblatt auszukommen.«

»Mich würde nicht wundern, wenn der Darklord sich des Säckchens bereits entledigt hat …«, sinnierte Morrigan.

»Das hat er nicht!« Die Nachdrücklichkeit in Taras Stimme ließ die beiden Frauen einen Moment lang verstummen. Sie beobachteten, wie ein junges Mädchen in die Mitte des Höhlendoms schritt, akkurat der Spur aus Erde folgend, die der Geißbusch kaum sichtbar hinterlassen hatte. »Und er wird es auch in Zukunft nicht wegwerfen.«

»Willkommen, Tara! Rar in diesen Zeiten, und doch umso gelegener erscheint uns dein Besuch!«, begrüßte endlich Morrigan die Dritte im Bunde.

Freya war aus ihrer vorübergehenden Starre erwacht und beförderte wie aus dem Nichts einen Schemel an die Seite ihrer Tochter.

»Mutter! Kannst du das bitte unterlassen?«, zischte die Jüngste. »Ich komme allein zurecht!«

»Das sehe ich!«, erwiderte Freya ungerührt und richtete das Geißblatt wieder auf, mit dem Tara versehentlich kollidiert war.

»Bringst du Kunde von Tauros?«, fragte Morrigan, um das Gespräch hin zu den wichtigeren Themen zu lenken. Mutter und Tochter hatten auch später noch Zeit für ihre spezielle Form der Wiedersehensfreude.

»Die Druiden waren nicht erfolgreich«, wusste Tara zu berichten. »Aber sie beobachten das Geschehen weiter. Sie verlangten zu wissen, ob man Banfhile bereits für unser aller Ankunft vorbereiten solle.«

»Es ist zu zeitig«, murmelte Morrigan. »Ich sage, es ist zu zeitig.«

»Das war auch meine Antwort«, erklärte Tara und sah ihre Mutter an. »Du wirst noch bald genug wieder im Cottage wohnen.«

»Hast du etwas gesehen?«, verlangte Freya zu wissen.

»Ich sehe ständig Dinge, Mutter«, schnappte die Jüngere und strich sich das lange Haar aus dem Gesicht. Dann wandte sie sich dem Gebräu im Kessel zu, schloss prüfend die Augen und sagte wie beiläufig: »Eisenkraut, Morri. Leg deine unleserlichen Aufzeichnungen weg. Es fehlt nur noch das Eisenkraut.«

Morrigan verdrehte die Augen. »Danke! Ich hätte es schon gefunden, wenn ihr mich in Ruhe meine Arbeit machen ließet!« Der Buchrücken des Folianten wirbelte ein gelbbraunes Staubwölkchen auf, als dieser mit einem dumpfen Plopp zuklappte und mit einem Winken der alten Hexe außer Sichtweite verschwand. Als nächstes beförderte sie ein verkorktes Fläschchen aus den Tiefen ihrer Kleidung zutage und streute mit sicherem Augenmaß etwas Pulver in den Kessel. Sofort veränderte sich die Farbgebung des Trunks von einem dottergelb hin zu giftgrün.

»Brrrrr …«, hub Freya an, »können wir nicht diese Auftragszauberei für einen Moment beiseite lassen? Ich bin sicher, wer auch immer das bestellt hat, kann noch ein wenig auf seine Bestellung warten.«

»Nein, nein!«, unterbrach sie Morrigan. »Auf meiner Homepage garantiere ich eine Lieferung innerhalb von 24 Stunden! Steht in meinen AGB!«

Die beiden jüngeren Frauen schüttelten die Köpfe. »Das ist nicht dein Ernst! Es fehlt nur noch, dass du den Paketdienst für Expresszustellungen zu den Höhlen bestellst!«

»Aber nicht doch!«, erklärte Morrigan entrüstet. »Ich gebe die Sendung später Tara mit, wenn sie wieder unter die Menschen zurückkehrt. Da lässt sich bestimmt noch ein geöffnetes Postamt des Weges finden, nicht wahr? Du, liebe Freya, hast ja schon genug an deinem Geißbusch zu tragen …«

»Wir wollen mit deinem Versandhandel nichts zu tun haben«, erklärten Mutter und Tochter wie aus einem Munde.

»Da seid ihr euch mal wieder einig. Und dabei ist das so ein netter Zeitvertreib …«

»Wenn dich Langeweile quält, dann hilf mir doch bitte, die versteckten Fähigkeiten des Geißblattes noch ein wenig magischer zu gestalten, damit der Busch vor Annes Schlafzimmerfenster dann auch ganz sicher seine Aufgabe erfüllt«, forderte Freya sie auf.

»Warum sollte ich das tun?«, ließ sich Morrigan bitten.

»Damit du dir Annes Geschichte inklusive der erotischen Träume erzählen lassen kannst, während ihr im Cottage seid. Du liebst gute Geschichten gegen Langeweile«, erklärte Tara. »Du wirst sie testen. Dazu brauchst du etwas, das sie sehr stark emotional berührt, damit sie ihre Kräfte entfalten kann. Erotik hat diese starke Wirkung. Für sie vor allem im Zusammenspiel mit Dominanz und Unterwerfung. Also werden wir ihr genau das geben. Und zuschauen, was die beiden daraus machen.«

Zwei Stunden später verließ Freya mit einem behutsam zum Paket verschnürten Geissblattstrauch die Galdu-Höhlen, auf dem Weg zurück zu den Menschen und der Suche nach einem Postamt mit Spätöffnung. Tara folgte ihr vorsichtig mit einem Turm an Kartons mit klirrendem Inhalt und »Vorsicht Glas«-Aufklebern.

Morrigan löschte das ersterbende Feuer unter dem Kessel mit Asche, hob den Kopf und schaute in die Kuppel des Doms. Sie lachte schallend.




required



required - won't be displayed


Your Comment:

Nachdem es Nachtstimmen – Band 1 der Banfhile-Chroniken im Rahmen des Indie-Autoren-Awards im März 2013 auf die Shortlist geschafft hat, wird der Titel jetzt zusammen mit den anderen Shortlist-Werken im Rahmen einer Promo im iBookstore als Breakout Book beworben:

iTunes – Bücher – „Nachtstimmen“ von Anne Amalia Herbst.

Schaut doch mal vorbei! Freue mich natürlich auch […]

Previous Entry

Torn
Banfhile-Chronicles-Special
© by Anne Amalia Herbst

 

Reason versus emotion.
I‘m drawn to you like a moth to the flame. Emotion makes me vulnerable. But still… Screw years full of reason and calculated risk. In the end it‘s the emptiness therein which bothers me. I can‘t deny this overwhelming sense of belonging anymore. It‘s like something long restless […]

Next Entry

Newsletter

Name

E-Mail Adresse

Ja, ich möchte den Newsletter erhalten.

Letzte Kommentare
Kategorien